Anthropologische Konzepte in "Ackermann aus Böhmen"

Essay by mukaUniversity, Bachelor'sA, January 2009

download word file, 6 pages 0.0

Downloaded 3332 times

Der um 1350 geborene 1387 als Notar und Leiter der Lateinschule in Saaz wirkende und als Stadtschreiber arbeitende Johannes von Tepl, verfasste 1401 „Den Ackermann aus Böhmen”. Dieser gehört zu den wichtigsten deutschen Dichtungen damaliger Zeit, wegen der Neuerungen, die der Autor verwendet hat, die sowohl in Gedanken als auch in der Form zu sehen sind. Es ist nur schwer zu beurteilen, zu welcher Epoche das Werk zu zählen ist, zum Mittelalter oder zur Renaissance? Es schildert zwei unterschiedliche Standpunkte - den des verzweifelten Ackermanns, der die Sprache der Renaissance spricht, und den des Todes, der die mittelalterliche Weltanschauung verkörpert. Also die Merkmale beider Epochen finden ihren Ausklang in dem Kunstwerk. Die Geschichte der Renaissancedichtung in Deutschland, wie Wolfgang Beutin und Klaus Ehrert in ihrem Buch schreiben, begann also mit einem isolierten und sehr frühen Experiment1. Er stellt aber die literarische Leistung ersten Rangs dar und deswegen ist ein Stück avantgardistischen Künstlertums, das in Grundzügen seiner Zeit um hundert Jahre voraus war.

Die Verwendung von Prosa, die eigentlich für die Renaissance typisch war, galt als eine Innovation, weil alle Dichtungen im Mittelalter in Versen verfasst werden müssten.

Der Grund, der den Tepl dazu bewegte „Ackermann aus Böhmen“ zu abfasen, war der Tod Tepls Frau, die im Kindbett gestorben ist. Die entstandene Dichtung ist ein wortgewaltiges Streitgespräch zwischen dem allegorisch dargestellten Tod und dem mutlosen Menschen. Der Verfasser folgte einem Ziel: „Die Klage um seine Frau ist Johannes von Tepl nicht Selbstzweck, mit dem Ackermann aus Böhmen verfolgt er ein wichtiges Vorhaben: die Gedanken des Humanismus in Deutschland zu verbreiten.”2Die Pest, die 1348 etwa 30 Prozent der Bevölkerung tötete, der allpräsente Tod, die übermäßige Buße, die Kirche und Bibel hatten einen enormen Einfluss auf die damals lebenden Meschen genommen. Die Pestepidemien und Hungersnöte führten zu einer Krisenstimmung, die in der Suche nach direkter Gotteserfahrung ihren Ausklang gefunden haben. Der Mensch stand nicht im Mittelpunkt der Welt, als ein wichtiges Individuum, wie es im Humanismus der Fall war. Im Gegensatz, Humanismus war eine Bewegung, die auf die Wiederentdeckung der antiken Kultur eingestellt war. Die sich in der Zeit des Humanismus schnell entwickelnde Welt verhalf den Menschen zu größerer Lebensfreude und zeichnete diese Epoche als Zeit der Lebensbejahung aus. Die Kirche erschütterte eine Lawine von Protesten und Reformationsbewegungen. Der Mensch war in seiner Beschaffenheit ins Zentrum gesetzt und als vollkommenes Gottesgeschöpf betrachtet.

Die Anthropologie ist eine Wissenschaft, die sich mit der Entwicklung des Körpers, des Geistes und der Gesellschaft des Menschen beschäftigt. In „Ackermann aus Böhmen“ skizziert Johannes von Tepl ein neues Bild vom Menschen, der zu einer Rebellion, gegen mittelalterliche Lebensauffassung, anstoßt. Sie besagt, dass man an die Gefühle, wie Freude, Liebe oder Glück verzichten soll, weil das Leben, trotz dieser, sein Ende im Tod finden wird.

„Alle irdische Liebe muß zu Leide werden. Leid ist der Liebe Ende, der Freude Ende Trauer ist, nach Lust muss Unlust kommen, des Willens Ende ist Unwille: zu solchem Ziele laufen alle lebenden Dinge.”3Alle Menschen, egal welcher gesellschaftlichen Herkunft sie sind, teilen dasselbe Schicksal. Man soll sich nach dem aus dem Mittelalter stammenden Ausdruck „memento mori“ richten, jederzeit bedenkend, dass er sterben muss4. Dem zufolge soll man auf irdisches Vergnügen verzichten und sich auf Jenseits konzentrieren.

Ganz andere Stellung repräsentiert der Ackermann. Er wurde nicht dazu bestimmt das Dasein in Schmerzen, Leid und Kummer zu verweilen. Ganz im Gegenteil -„(…)denn Weib und Kinder zu habenist nicht der kleinste Teil des irdischen Glückes.“5Man soll am Leben Freude finden, indem man eine Familie gründet und mit einer Frau glückliche Ehe führt. Damit widersetzt sich Ackermann der Meinung Todes, dass es sinnlos sei, sich an die vergehende Werte, wie z. B. Liebe, zu binden.

„Wonnesam, lustsam, froh und wohlgemut ist der Mann, der ein tüchtiges Weib hat.“ 6Sogar bei Thema Frau, gehen die Meinungen der Beiden auseinander. Ackermann verehrt die Frauen, indem er sie als das schönste und liebevollste Wesen darstellt. Er findet, dass eine Frau den Mann schmückt, mit Ehre erfüllt und zum ruhigen Leben verschafft. Der Tod aber, sieht in der Frau ein hinterhältiges, unehrliches Geschöpf, der nur an sich selbst denkt.

"Ein beweibter Mann hat Donner, Hagelschauer, Füchse, Schlangen alle Tage in seinem Hause. Ein Weib trachtet alle Tage danach, dass sie der Mann werde: ziehet er hinauf, so ziehet sie hernieder; will er dies, so will sie das; will er hierhin, so will sie dorthin: solches Spieles wird er satt und sieglos alle Tage. Trügen, überlisten, schmeicheln, spinnen, liebkosen, wiedermurren, lachen, weinen kann sie wohl in einem Augenblick; angeboren ist es ihr. Krank zur Arbeit, gesund zur Wollust, dazu zahm oder wild ist sie, wann sie dessen bedarf (...) Darum sei dir bewußt, was du lobst! Du kannst nicht Gold von Blei unterscheiden." 7Sie ist die Ursache für alles Böse, was dem Mann zustößt, handelt wider des Mannes Willen, nützt ihn aus und das alles nur um ihre Bedürfnisse zu stillen. Dem tritt Ackermann kraftvoll entgegen, indem er sagt – „(…) ohne Weibes Steuer niemand glücklich gesteuert werden kann (…).“ 8Was das Wesen des Menschen im Allgemeinen betrifft sind sich die beiden Protagonisten nicht einig. Im Kapitel 24 spricht sich der Tod über den Menschen aus, indem er ihm Falschheit, Bosheit und Tücke vorwirft. Jeder Mensch ist etwas Ekelhaftes, was sowohl das menschliche Innere als auch das Aussehen betrifft. Er sagt, dass „[…] ein Mensch […] in Sünden empfangen“9 wird, was auf die Erbsünde hinweist. Bei der Geburt ist das Aussehen abstoßend, denn ein Kind wird „[…] nackend geboren und beschmiert wie ein Bienenkorb“10. Des Weiteren zählt der Tod eine Unmenge an Schimpfungen auf die den Menschen betreffen sollen: „ein faules Aas“11, „ein Kotfaߓ12, „ein übelduftender Eimer“13. Diese erwähnten Eigenschaften führen dazu, dass die Menschen das Gute von dem Bösen nicht unterscheiden können: „Was böse ist, das nennen gut, was gut ist, das nennen böse sinnlose Leute.”14Der Ackermann wehrt diese Beschimpfungen ab, indem er gleich zwei Argumente auftrumpfen lässt. Er wirft dem Tod vor, dass er Gott verachte. Wenn der Mensch, wie Tod behauptet, so unvollkommen und unrein wäre, müsste Gott ein mäßiger Schöpfer sein.

„Sollte dann der Mensch so verächtlich, böse und unrein sein, wie Ihr saget, wahrlich, so hätte Gott gar unreinlich und unnützlich gewirket. Sollte Gottes allmächtige Hand ein so unreines und unflätiges Menschenwerk geschaffen haben, wie Ihr sagt, ein schmählicher Schöpfer wäre er.“ 15Und das kann unmöglich stimmen. Einerseits ist der Mensch für Ackermann, als den Vertreter der Menschheit und des Humanismus, „das allesvornehmste, das allergeschickste und das allerfreiste Werkstück Gottes.”16 Und andererseits, wenn sein Werk so ideal ist, muss Gott ein unfehlbarer Schöpfer sein. Dabei lobt er die Gottesvollkommenheit.

Ackermann und Tod haben jedoch etwas Gemeinsames. Ackermann, verdankt Gott das Leben, ihm verdankt er auch, dass er seine Frau lieben konnte. Tod ist sich bewusst, dass ihre Macht, über Leben und Tod zu entscheiden, von Gott kommt. Sie wissen, dass die Kraft und Macht, die sie haben, vom Gott kommen. Sie wissen, dass alles was sie besitzen, Gottes Gabe ist.

Das Werk von Johannes von Tepl schildert anthropologische Problematik in den Zeiten des Übergangs vom Mittelalter zum Humanismus. Es werden zwei Konzepte veranschaulicht, die den Menschen mittelalterlich, als ein makelhaftes Bestandteil der Gesellschaft, und humanistisch als ein vollkommenes Individuum. Tod, der Vertreter Mittelalters, betont, dass der Mensch während des ganzen diesseitigen Lebens immer das Jenseitige bedenken soll. Ackermann repräsentiert dagegen anthropozentrische, humanistische Vorstellung, die auf die Schönheit des diesseitigen Lebens hinweist. „Der Ackermann aus Böhmen“ schildert die Entwicklung eines Menschen auf verschiedenen Ebenen. Die beiden Streitenden sprechen aus völlig verschiedenen Perspektiven. Vor allem kann man dieses Streitgespräch als eine Metapher des menschlichen Lebens interpretieren. Während des Lebens verändert sich die Einstellung des Menschen zu dem Sein und dem Wesen des Lebens, so wie sich die Meinungen von Ackermann veränderten. Aus einem Rebell gegen den Tod und die Weltordnung wird er zu einem mit seinem Schicksal abgefundenen Menschen. Das ermöglicht uns, die menschlichen Probleme und Sorgen mehrdimensional zu betrachten.

LiteraturverzeichnisPrimärliteraturTepl J. von; Der Ackermann aus Böhmen; Übers. Genzmer F.; Philipp Reclam Stuttgart 1963.

SekundärliteraturA)Glaser H.A. (Hg.): Deutsche Literatur. Eine Sozialgeschichte. Von der Handschrift zum Buchdruck: Spätmittelalter, Reformation, Humanismus; Band 2 1320-1572; Bennewitz I. u. Müller U. (Hg.); Rohwolt Verlag; Stuttgart 1991.

Karolak Cz., Kunicki W., Orłowski H.: Dzieje kultury niemieckiej; Wydawnictwo Naukowe PWN; Warszawa 2007.

Koziełek G.: Frühe Deutsche Dichtungen; Ackermann aus Böhmen; Wydawnictwa Uniwersytetu Wrocławskiego; Wrocław 1977; S. 170-215.

Rupprich H.: Die deutsche Literatur vom späten Mittelalter bis zum Barock; Erster Teil, Das ausgehende Mittelalter, Humanismus und Renaissance 1370-1520; München 1994.

Tepl J. von, "Der Ackermann" in: Krogmann W. (Hg.): Deutsche Klassiker des Mittelalters; Neue Folge Band 1;; Wiesbaden 1978.

B)Ackermann aus Böhmen in: Wilpert G. von: Lexikon der Weltliteratur; Band II; Hauptwerke der Weltliteratur in Charakteristiken und Kurzinterpretation; Zweite, erweiterte Auflage; Alfred Kröner Verlag; Stuttgart 1989.

Beer K.: Neue Forschungen über den Schöpfer des Dialogs: Der Ackermann aus Böhmen; in: Schwarz E. von (Hg.) Der Ackermann aus Böhmen des Johannes von Tepl und seine Zeit; Hg. von Schwarz E.; Darmstadt 1968.

Cod. Pal. germ. 76, Johannes von Tepl, Der Ackermann aus Böhmen; http://digi.ub.uni-heidelberg.de/cpg76 (1.04.2007)Deinert H.: Der Ackermann aus Böhmen in: The Journal of English and Germanic Philology; April 1962.

Franck H.;Nachwort zu Johannes von Saaz, Der Ackermann und der Tod; Berlin 1965.

Hahn G.: Johannes von Saaz: Der Ackermann aus Böhmen. Interpretation.; München 1964.

Kohlschmidt W., Mohr W. (Hg.):Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte; Erster Band; Zweite Auflage; Guttentag, Verlagsbuchhandlung; Berlin 1958.

Martini F.: Deutsche Literaturgeschichte; 19. neubearbeitete Auflage; Alfred Kröner Verlag; Stuttgart 1991.

Metzer J.B.:Deutsche Literaturgeschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart; Verlag J.B. Metzer; Stuttgart, Weimar 1994.