Attribute eines Dandys - Sprache und Selbstdarstellung am Beispiel von Oscar Wilde, "The Importance of being Earnest"

Essay by luckylillyUniversity, Bachelor'sB-, November 2006

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1. Der Begriff des Dandy

1.1 Die Entwicklung des Phänomens

Der Dandy an sich ist ein Idealkonstrukt, das seit seiner ersten Nennung im 17. Jahrhundert die verschiedensten Ausprägungen angenommen, sich aber nie exakt wiederholt hat ("dandyism struggles constantly with the problem of how originality can be replicated to create a whole movement" ). Daher lässt sich das Dandytum hauptsächlich in seiner gelebten Form an den Vertretern seiner Art studieren. Wenngleich es sich um ein englisches Phänomen der Regency-Periode handelt, das in besonderer Verbindung zu der Mondänität und Eleganz der Londoner Klubs steht, konnte es sich erst durch eine Neudeutung und Interpretation auf dem Kontinent zu einer identifizierbaren, prägnanten, nicht mehr als Einzelfall zu betrachtenden Erscheinung herausbilden.

In Frankreich findet man sowohl in den Schriften von Honoré de Balzac als auch in denen von Barbey d´Aurevilly und Charles Baudelaire Hinweise darauf. Während Balzac das Dandytum mehr als eine Frage der eleganten Lebensweise denn als eine der Bildung sieht ("in order to be fashionable, one must enjoy rest without having expierenced work" ), spielen Dekadenz und Schein bei d´Aurevilly eine untergeordnete Rolle.

Für ihn bildet George "Beau" Brummell, der englische Ur-Dandy, in der Einzigartigkeit seines Auftretens gerade wegen seiner bürgerlichen Herkunft den Kern und die unmittelbare Personifikation des Dandytums schlechthin: "...it is by manners, by untransmittable manners, that Brummell became a prince of his time." Hier geht es vor allem um die Originalität und Selbstverwirklichung des Individuums. Baudelaire wiederum betont besonders, dass der Dandy nicht als Künstler, sondern als das Kunstwerk selbst anzusehen ist, welches der Bewunderung der Masse bedarf und dessen Existenz der vollkommenen Umsetzung von Ästhetik gewidmet ist: "Dandyism, which is an institution beyond laws, has its own rigorous laws. [...] These creatures have no occupation save cultivating the idea of beauty in their persons." Doch der extravagante Dandy kann sich schließlich nicht mehr selbst genügen in einer Art elitären Darstellung seiner eigenen Person, als gegen Ende des 19. Jahrhunderts ein neues soziales Phänomen entsteht: die Massenkultur, die der Hervorhebung des Einzelnen einen Kontrapunkt setzt. Somit entsteht ein völlig neuer Typ des Dandy.

1.2 Der englische Dandy im spätviktorianischen Zeitalter

Für die folgenden Betrachtungen ist nun der "New Dandyism" des Fin de Siècle von besonderem Interesse. Im ausgehenden 19. Jahrhundert verliert der britische Adel seine Machtstellung in der Gesellschaft; und mit dem Nachrücken der neureichen bürgerlichen Schichten und Londons Entwicklung zu einem internationalen Finanzzentrum kommt es zu einem Erstarken der kontinentale Einflüsse, während die Werte der viktorianischen Gesellschaft immer mehr verblassen. In einem sozialen Klima, in dem Geltungsdrang und Verschwendungssucht das frühere Verständnis von Exklusivität durch Herkunft umkehren, finden nun auch "Emporkömmlinge" Zugang zu Adelskreisen und treiben die Zersplitterung der oberen Gesellschaftsschichten voran. Dies lässt sich auch auf das Wirken von Edward VII, dem Sohn von Königin Viktoria, zurückführen: "People he liked, who amused or entertained him, were drawn into a society within society, which became known as the Marlborough House set, a smart, a swagger, a fast set, reputedly [...] loose in domestic morals and addicted to high-stake gambling." Darüber hinaus wurde Edward auch zum modischen Leitbild seiner Zeit und machte als Lebemann von sich reden. Die neuen Dandys waren jedoch in keiner Weise kommerziell orientiert, "[...] es waren Einzelne, die den Abscheulichkeiten der Bourgeoisie ihre Preziosität entgegenstellten." Zu ihnen zählen auch Politiker wie Lord Randolph Churchill, Joseph Chamberlain und Arthur Balfour, von denen letzterer bezeichnet wurde als "brillanter, diamantenharter Dandy: klug, geistreich, der Welt überdrüssig und mühelos überlegen." Was nun den dekadenten Dandy des Fin de Siècle vom klassischen Dandy unterscheidet ist seine Extravaganz, sein Wunsch nach Distanz vom Trubel der Oberschicht sowie die Hinwendung zum absolut Schönen in seinem Umfeld, seinem Geist und seinem Äußeren: "Neurose, physische Verletzbarkeit und Schwäche sind der Preis für das Eintauchen in eine Welt der Sinnesreize und der äußersten Verfeinerung. Die Flucht ins innere Exil bedeutet letztlich eine Negation des Dandytums, dessen wesentliches Element, die narzisstische Spiegelung im andern, preisgegeben wird. [...] Er wird zum Dandy-Ästheten. Als Dandy ist er selbst ein Kunstwerk, als Ästhet verfeinert er es noch durch Eindrücke, die ihm die Kunst verschafft." Diese Dandy waren mehr den Künsten zugetan, während ihre Vorbilder aus der Regency-Zeit zweifelsohne der aristokratischen Kultur zuzuordnen sind.

2. Aspekte des Dandytums in "The Importance of Being Earnest"

2.1 Die Sprache von Oscar Wilde

2.1.1 Aphorismen

Abweichend von der zeitgenössischen Konvention der "British Farce", bei der eine Pointe oft schon durch Mimik und Körpersprache der Darsteller angekündigt wird, legt Wilde Wert darauf, genau dies zu vermeiden: "[...] the play´s wit is most effective when the performers are seriously absorbed in their roles and give no indication that anything is being done or said for comic impact." Dies hat zur Folge, dass umso mehr die Ausdrucksfähigkeit der Charaktere in den Mittelpunkt rückt. Auffällig ist dabei, dass alle Beteiligten auf derselben Sprachebene kommunizieren; dabei unterscheiden sich die Hauptfiguren nicht von den Bediensteten. Ihr Stil ist elegant, bedächtig und stets bewusst gewählt, "[...] every character appears to speak spontaneously in language that requires an audience." In diesem gepflegten, formal korrekt gewählten Ausdruck spiegeln sich die Sprachgewohnheiten des Autors wider. Besonders auffällig sind jedoch die Aphorismen ("philosophische Gedankensplitter"), die sich dadurch definieren, dass ein geistreicher, subjektiver Gedanke formuliert wird, der gleichzeitig auch außerhalb des Kontexts Anspruch auf Allgemeingültigkeit erhebt. Die Komik des Stücks wird dadurch besonders hervorgehoben, dass die Sprache die Handlung bei weitem übertrifft: "[...] fun depends mainly on what the characters say, rather than what they do. What differentiates this farce from any other, and makes it funnier than any other, is the humorous contrast between its style and matter." Die brillianten, geistreichen Dialoge sind voller Selbstironie und beeindrucken zusätzlich durch kluge, manchmal widersprüchliche, aber immer originelle Aphorismen wie

"The very essence of romance is uncertainty." -

"More than half of modern culture depends on what one shouldn´t read." -

"Ignorance is like a delicate exotic fruit; touch it and the bloom is gone." -

"All women become like their mothers. That is their tragedy. No man does. That´s his. " -

"No woman should ever be quite accurate about her age. It looks so calculating."

Diese kunstvolle Ausdrucksweise ist typisch für die l´art pour l´art-Geisteshaltung eines Dandy. Hier ist zu betonen, dass es sich bei Wilde selbst um einen Dandy handelt, der wiederum in seinen Dramen Dandy-Charaktere nach seinen persönlichen Vorstellungen kreiert. Kritiker meinen, dass durch die geschliffene Sprache die Unzulänglichkeiten der Handlung übertüncht werden sollen; andererseits kann man es auch als eine Frage des Standpunkts ansehen, ob das Augenmerk nun eher auf dem Einen oder dem Anderen liegen sollte. Definitiv liegt hier ein Kontrast zu dem eher groben Stil der übrigen Dramen der Epoche vor, der langfristig jedoch zu manieriert und künstlich war, als dass er hätte bestehen können. John Peter schrieb in seiner Rezension in der Sunday Times: "It is a social and aesthetic chess game in which sincerity is ranged against style. Style wins over sincerity because Wilde despaired of finding any in the latter. In one sense this play, like all great comedies, is about nothing in particular: it exists to justify its own existence. But behind the wit and the ostentatious elegance of the writing, you get a glimpse of a barren, glittering desert."

2.1.2 Die Bedeutung von Namen und Schauplätzen

Ohne Frage spielt der Name "Ernest" für das Stück eine vordergründige Rolle. Das offensichtliche Wortspiel Earnest/Ernest deutet an, wie entscheidend Oberflächlichkeiten in dieser Gesellschaft sind. Das Image dieses Namens ist das des hochviktorianischen Zeitalters: seriös, ernsthaft, konventionell. Daher ist es nicht verwunderlich, dass sowohl Gwendolen als auch Cecily sich von einer Vorstellung angezogen fühlen, die sie mit dem Idealbild einer soliden, Sicherheit versprechenden Ehe in Verbindung bringen. Für die beiden jungen Frauen steht dieser Name in erster Linie für Vertrauen; doch es gibt jeweils noch eine weitere Bedeutungsebene: für Gwendolen eine sinnliche ("it produces vibrations" ), für Cecily eine gefährliche ("wicked" ). "To be Ernest, then, is to be something other than what one seems."

Der Name Jack dagegen hat für Gwendolen keine besondere Anziehungskraft, sie assoziiert damit vor allem Einfachheit, Schlichtheit, sogar Langweile. Daraus ergibt sich dann, dass sie - dem vorgenannten Ehe-Ideal widersprechend - mit dem Namen "Ernest" ein größeres Potenzial an Spannung verbindet, was ihr erstrebenswerter erscheint. Dieser Eindruck wird auch durch den sprechenden Nachnamen "Worthing" verstärkt. Miss Prism sagt Jack "a gravity of demeanour" nach, doch wie bereits erwähnt ist Ernsthaftigkeit für Gwendolen gleichbedeutend mit Stumpfsinn.

Der Name "Algernon" dagegen weckt keine eindeutigen Assoziationen, er lässt sich als wenig prägnant, möglicherweise noch als aristokratisch bezeichnen. Dennoch bringt Cecily klar zum Ausdruck, dass er ihr nicht gefällt, mehr noch: Sie findet ihn nichtssagend: "I might respect you, Ernest, I might admire your character, but I fear that I should not be able to give you my undivided attention."

Auch die Schauplätze sind für die Auslegung des Stücks von Bedeutung. Der Wechsel zwischen Land- und Stadtleben ist signifikant für den Geist der Zeit und ist auch der eigentliche Anlass dafür, dass sowohl Algernon als auch Jack es für notwendig halten, die Verwechslung aufrecht zu erhalten. In den englischen comedies of manners handelt es sich um eine geradezu traditionelle Dichotomie, wenngleich dies bei Wilde´s Drama bei näherem Hinsehen nicht zutrifft: "The shift to the country, which might indicate a change of tone to something more innocent and pastoral, is deceptive." Im Vordergrund steht hier vielmehr die Ausstattung der jeweiligen Schauplätze: so wird Algernon´s Apartment als "luxuriously and artistically furnished" beschrieben; der Garten von Manor House als "an old-fashioned one, full of roses." Dies bezieht sich erneut auf die ästhetischen Vorstellungen des Dandy, auf die im Folgenden näher eingegangen werden soll.

2.2 Sein Verständnis von Ästhetik

2.2.1Die philosophischen Wurzeln

In seinen jungen Jahren wird Wilde hauptsächlich von der lateinischen und griechischen Literatur geprägt und verehrt die in ihr enthaltenen Vorstellungen von Geist und Schönheit. Auch später verfolgt er nicht, wie die Generation an Dichtern vor ihm, ausschließlich die Leitsätze der heute als Romantik bezeichneten Epoche, sondern entwickelt aus diesen beiden Stilrichtungen geradezu neoantike Vorstellungen. Seiner Ansicht nach sei es "der Endzweck der Kunst, die raue Oberfläche von Sorge und Leid zu vergolden und allen unvermeidlichen Schmerz in den Mantel der Freude zu hüllen." Wilde zeigt sich ebenfalls als Vertreter der Englischen Renaissance, wenn er ein Gemälde allein auf Grund seiner Farben und Linienführung für stilvoll erachtet und eine geistige Bedeutung zunächst dahinter zurücktreten muss. Nicht die Nachahmung des Lebens und der Wirklichkeit ist das Ziel; gerade das Gegenteil trifft auf den Dandy zu: "[...] tatsächlich wird in der Verwechslung von Kunst und Leben der Künstler zum Dandy, der in seinem Leben ein ästhetisches Glaubensbekenntnis zum Ausdruck bringt, während er die ethischen Forderungen aus seinem Kunstwerk wie fast ebenso aus seinem Leben ausschließt." So bilden sich ganz unterschiedliche Umsetzungen von Kunst im Alltag eines Dandys heraus; für Wilde ist hier vorrangig die Virtuosität seiner Ausdrucksweise zu nennen. Stark beeinflusst wird er von seiner Zeit in Amerika, wo er Vorträge über die Englische Renaissance hält und seine ästhetischen Vorstellungen formuliert: "He described the `new birth of the spirit of man` which had an ´exclusive attention to form´ and which succeeded in uniting with the Greek clearness of vision and the medieval ´variety of expression and mystery of its vision´ the `intricacy and complexity and experience of modern life´. " Somit schlägt Wilde den Bogen vom hellenistischen Gedankengut bis hin zum aktuellen politischen Geschehen, wobei zweifelsfrei auch die Strahlkraft der Französischen Revolution auf ihn gewirkt hat. Er ist prinzipiell ein Denker; ein außerordentliches Talent auf dem Gebiet der literarischen Ausdrucksweise, aber kein geborener Dramatiker. Seine Ideale versucht er auf kunstvolle Weise in andere Medien umzusetzen und ist insofern ganz Kind seiner Zeit, als dass er versucht, das geistige Erbe in das aufgehende 20. Jahrhundert zu transferieren: "[...] the confluence and confusion of the visible world and the inner landscape runs throughout his work." Dies mündet in dem Wunsch, Schönheit nicht durch Kunstwerke zu schaffen, sondern das Leben selbst zur Kunst zu erheben; und somit hatte sich die Kunst weder nach der Natur noch nach der Moral zu richten - von beiden ist sie unabhängig.

2.2.2Die Rolle von Kleidung und Accessoires

Der Stil des Dandy ist am Anfang des 19. Jahrhunderts noch sehr einfach und schlicht. Meist trägt er von Kopf bis Fuß schwarz und schafft so Distanz; nicht nur zur übertriebenen, lärmenden Mode im Frankreich des 18. Jahrhunderts, sondern auch zur englischen Regency-Gesellschaft. Er stellt sich zur Beobachtung und möchte in seiner Unaufdringlichkeit als andersartig wahrgenommen werden: als ein Kunstwerk, das Aufmerksamkeit erregt. Man kann geradezu von einer Dehumanisierung sprechen, durch die der Mensch zum Objekt wird. Beispielhaft hierfür ist der junge Lord Byron, der stets einen steifen, schwarzen Frack trägt. Im späten 19. Jahrhundert dann, als Oscar Wilde von sich Reden macht, wird schlichte Gepflegtheit in der Männermode zur Norm; schon allein dadurch, dass Kleidung nun in Massenproduktion hergestellt wird. Um sich erneut abzuheben und dieser Form von Massenkultur zu begegnen ist es also von Nöten, zu anderen Stilmitteln zu greifen: "Wilde´s protest against bourgeois utilitarian thinking made him turn to velvet, silk and flowers. [...] Wilde´s clothes are over-determined signs; they [...] contributed to drawing attention to the surface. They Dandy is the surface he presents. " Es kommt zu einer Rückbesinnung auf das Individuum und seine Einzigartigkeit, die nun erneut in den Vordergrund tritt.

Sein wahres Wesen jedoch versteckt der Dandy hinter seinem pompösen Auftreten; er kommuniziert lediglich über Oberflächlichkeiten und nicht über Inhalte. Es ist ja sein erklärtes Ziel, dass man über ihn spricht - in einer Art von gesellschaftlichem Voyeurismus, ist er doch auf sein Publikum angewiesen. Wilde konnte von seinem Auftreten gleich doppelt profitieren, indem er seinen modischen Stil auch auf die von ihm geschaffenen Charaktere zu übertragen wusste; ein literarischer Kniff, um seine Zuhörerschaft zu locken: "[...], that is, the literary hide-and-seek involved when an author creates literary characters resembling him, thereby introducing a new dimension into the game of public vs. private spheres."

Sehr schön erkennbar ist diese Vorgehensweise in "The Importance of Being Earnest" in der Szene in Akt II, in der Algernon Cecily um eine Blume für sein Knopfloch bittet mit der Begründung, er könne unmöglich Appetit haben, bevor er sich nicht eine Blume angesteckt hätte. Der schöne Schein, das "sich Ausstaffieren" in Verbindung mit einer fast albern erscheinenden Affektiertheit gehört für den Dandy zu seinem gesellschaftlichen Ritual, das er, da er um seine Wirkung weiß, auch entsprechend kultiviert. Der Schönheitskult wird somit zu einem Kult des Ich und ist der stetige Begleiter eines Dandy. Dies manifestiert sich auch in den Gegenständen, mit denen er sich täglich umgibt. So ist beispielsweise das Verschwinden eines Zigarettenetuis Anlass zu großem Trubel, denn Jack hält es für äußerst ungehörig, dass jemand sein Etui begutachtet und gar die Gravur auf der Innenseite liest - dies sei eine höchst private Angelegenheit. Der Dandy umgibt sich gern mit schmuckhaften Dingen; so ist auch die Tatsache, dass Algernon ein Klavier besitzt, als Ausdruck seiner Liebe zur Musik als eine Form der Kunst zu werten. Andererseits geht es ihm aber auch um die Außenwirkung und das Prestige, das er damit erlangt; schließlich dient es ihm auch dazu, in der Gunst seiner Tante zu steigen, die sich selbst wiederum den kultiviertesten Schichten der Gesellschaft zugehörig fühlt. Die Umsetzung des ästhetischen Verständnisses in diesem Drama ist allerdings als eher spielerisch zu werten; die Charaktere verwenden dieses Zubehör offensichtlich mehr aus Modegründen als aus einem geschichtsträchtigen Sinn für schöne Dinge. Zu sehen ist dies auch an der Tatsache, dass sowohl Cecily als auch Gwendolen Tagebuch führen, obwohl es dafür keinen zwingenden "Anlass" gibt - es ist vielmehr eine Konvention der Zeit, der die beiden jungen Frauen folgen, um als modisch zu gelten.

3.Umsetzung von Sprache, Mode und Dekor im Film

In der neuesten Verfilmung aus dem Jahre 2002 wurde weitestgehend am Textvorbild festgehalten. So sind beispielsweise viele der bereits oben angesprochenen Aphorismen wortwörtlich im Film übernommen worden. Auch sprechen die Darsteller bedächtig und mit vollendetem Ausdruck, so wie Wilde selbst es bei der Urproduktion verlangt hat - nicht die Aktion soll wirken, sondern die Sprache soll in Erstaunen versetzen, was hier auch gelingt.

Dennoch ist die Handlung lebhafter umgesetzt als der Text es vorsieht, um so die Situationskomik anschaulicher zu gestalten. Variation entsteht unter anderem dadurch, dass einzelne Szenen durch Hinzufügen weiterer Charaktere (oft von niederer Bedeutung für die Handlung) erweitert werden oder dass neue Szenen hinzugefügt werden; so gibt es z.B. mehrere Sequenzen, in denen Algernon auf der Flucht vor seinen Gläubigern ist. Derartige Situationen dienen dazu, einen vollständigeren Eindruck vom Lebenswandel eines Dandy zu vermitteln und sind dem Stück in keinster Weise abträglich.

Auch die Kostüme sind sehr sorgfältig ausgewählt. Besonders effektvoll ist bei Jack der Kontrast zwischen seiner Kleidung auf dem Land und dem, was er in London zu tragen pflegt. Auf seinem Landsitz ist er sehr streng und seriös gekleidet; er trägt eine Brille mit Goldfassung, einen Tweedanzug und ein Beret im Glencheck-Muster, was seine Autorität als Herr des Hauses und Vormund von Cecily unterstreichen soll. Hält er sich hingegen in London auf, trägt er bei seinen abendlichen Aufenthalten im Klub genau wie Algernon die Kleidung eines frühen englischen Dandy: Ein schwarzer Anzug, kombiniert mit einer weißen Weste, einem weißen Hemd und einer weißen Fliege; als Accessoires schwarze Lackschuhe, Zylinder, Spazierstock mit Goldknauf, weiße Handschuhe, einen ebenfalls weißen Schal und die obligatorische weiße Blüte im Knopfloch. In dieser Aufmachung unterscheiden sie sich nicht von den übrigen Herren, die in diesen Szenen zu beobachten sind, und es passt auch gut in den Rahmen: umgeben von jungen Damen, die an ihren Lippen hängen, plaudern sie - Zigaretten rauchend - von Kanapee zu Kanapee. Algernon gibt sich auch sonst ganz als der Lebemann, so z.B. in der Eröffnungsszene, wenn er sich im roten Seidenmorgenmantel auf dem Klavier versucht; oder auch als er in Manor House auftaucht, wo er sich elegant-sportlich in cremefarbener Reithose, engem Oberhemd und weit schwingendem Ledermantel, den karierten Schal lässig über die Schulter geworfen, als sorgloser Taugenichts gibt.

Sehr amüsant sind auch die Szenen, in denen Cecilys romantische Phantasien umgesetzt werden und Algernon als Ritter in voller Rüstung erscheint. Dadurch wird nochmals schalkhaft betont, dass die Charaktere sich ihres Rollenspiels bewusst sind und sie es auch tatsächlich als Spiel auffassen, mal die eine und mal die andere Facette in den Vordergrund zu stellen.

Die Schauplätze sind ebenfalls liebevoll bis ins kleinste Detail auf das Verständnis von Kunst und Schönheit abgestimmt. Bei Manor House, gelegen in einer weitläufigen Parklandschaft mit See, handelt es sich um ein stattliches Herrenhaus mit antiquisierendem Säulenportal, übrigens ganz in hellgelb gehalten - eine Farbe, die in den 1890er Jahren vor allem für Oscar Wilde eine große Rolle spielt (siehe auch sein Gedicht "Symphonie in Gelb"). Innen finden sich überall kostbare Holzvertäfelungen und edle Stoffe.

Ähnliches sieht man im Wohnsitz von Lord und Lady Bracknell: Auch dieses Haus ist überaus großzügig angelegt; auch hier sind im Innenbereich schmuckhafte, antik wirkende Säulen angebracht, und der herrschaftliche Eindruck wird durch breite Marmortreppen, schwere, rot-samtene Vorhänge und vergoldete Details noch zusätzlich unterstrichen. Die riesigen Räume sind teilweise nur spärlich, wenn auch kostbar möbliert, worin sich nicht nur der offensichtliche Reichtum der Bewohner spiegelt, sondern möglicherweise auch deren Prunksucht.

Zuletzt wäre noch Algernons Stadtwohnung zu nennen. Die Räume bestechen durch pastellfarbene Wandanstriche, durchbrochen von weißen Blenden und hohen, in weiß gehaltenen Flügeltüren. Die Simse sind mit allerlei Nippes überladen, die griechische Figuren und andere Statuen darstellen. Mit goldgerahmten Spiegeln und farbenfrohen Gemälden behängte Wände sowie extravagante, in Raubtiermustern gehaltene Polstermöbel entlarven Algernon als einen Paradiesvogel.

Alle Schauplätze dienen mehr der Selbstdarstellung als dem behaglichen Wohnen, wodurch ein letztes Mal betont sein soll, dass für den Dandy der äußere Schein und eine polierte Oberfläche alles bedeuten - Ernsthaftigkeit dagegen nichts.